Julian Riegel Julian Riegel

Kulturcrash in Zürich

Das Zürich Openair und das Pride Festival 2026 sind abgesagt. Doch das ist nur die Spitze eines Eisbergs, der die Zürcher Kulturlandschaft zu versenken droht.

Das Zürich Openair und das Pride Festival 2026 sind abgesagt.
Doch das ist nur die Spitze eines Eisbergs, der die Zürcher Kulturlandschaft zu versenken droht.

Danke Pride, endlich nennt jemand mal das Kind beim Namen: Kulturevents sind für Sponsoren nicht mehr sexy. 

Der Verein der Zürcher Pride muss das eigene Festival absagen, weil verschiedene grosse Unternehmen ihre Unterstützungsgelder in den vergangenen Monaten reduziert haben. Auf die Demonstration am 20. Juni hat dies zum Glück keinen Einfluss. 

Erst am Dienstag gab das Zürich Openair bekannt, dass das Festival 2026 nicht stattfindet. Der offizielle Grund sei, dass man «aufgrund Terminverschiebungen internationaler Festivals Ende August» nicht die gewohnte Act-Qualität hätte halten können. 

Meine Recherche ergibt jedoch, dass das Reading & Leeds, Rock en Seine oder Creamfields wie seit Jahren am selben Wochenende wie das Zürich Openair stattfinden – mit diesen teilte man sich in der Vergangenheit Headliners wie Arctic Monkeys, The Killers oder Calvin Harris.

Von den Besucher*innenzahlen her sollte das Zürich Openair wirtschaftlich gesund sein. Trotzdem vermute ich bei der Absage finanzielle Gründe: Kulturevents sind für Sponsoren nicht mehr sexy.

Die Stadt gibt keinen F*ck und keinen Rappen

Diese Entwicklung hat sich abgezeichnet. Letztes Jahr hat die Design Biennale ihre letzte Ausgabe gefeiert. Das Digital Arts Zürich musste abgesagt werden. Und das Openair Wipkingen konnte nur dank eines Crowdfundings über 50’000 Franken stattfinden. Kulturevents sind für Sponsoren nicht mehr sexy.

Man könnte denken, die Stadt oder der Kanton hätte Interesse daran, solche Events zu bewahren – alle seit fünf bis 17 Jahren wichtige Bestandteile des kulturellen Kalenderjahres Zürichs. Ich weiss aber aus erster Hand, dass die Kulturtöpfe zu klein für Festivals sind, man für Notfälle wenig Spielraum hat und lieber Ur-Alteingesessenes fördert als Neues.

Die Betriebsförderung des Kantons beschreibt mehrjähriges Bestehen als Kriterium und meint damit acht+ Jahre! Ein weiteres Beispiel; Kein Event, aber es geht um dasselbe Problem: Die Zentralwäscherei musste beim Gemeinderat um 150’000 Franken kämpfen, ohne die der Betrieb nicht hätte gewährleistet werden können. Die Förderstellen wälzen das Problem auf die Politik ab.

Es graut mir im grauen Zürich

Kulturevents sind für Sponsoren nicht mehr sexy. Und die Förderung Zürichs macht es nicht sexy, Kulturevents zu veranstalten. Ein Rezept für graue Tage in Zürich.

Wir brauchen schleunigst Veränderung.

Da der Wirtschaftstrend nicht nach Hochkonjunktur aussieht, müssen wir es wohl über den politischen Weg regeln. Zum Glück stehen gerade Wahlen in Zürich an. Die Bar- und Clubkommission Zürich bietet mit «Zürich wählt» einen Guide mit kultur- und gastronomiefreundlichen Kandidat*innen für Gemeinde- und Stadtratswahlen an. Ich persönlich  werde mein smartvote-Ergebnis damit abgleichen.

Fun Fact: Ich habe Flurin Capaul von der FDP einfach mal angerufen, weil er einige Pro-Kultur-Postulate im Gemeinderat eingereicht hat und auch von «Zürich wählt» empfohlen wird. Er war der Event-Thematik gegenüber nicht verschlossen. Unter 50 Prozent Übereinstimmung gemäss smartvote-Fragebogen reicht dann aber leider nicht für meine Stimme, sorry Flurin.


Willst du mehr?
Melde dich unten für meinen Newsletter über die Kultur- und die Kreativbranche an - und noch besser:

Share the Love!

Weiterlesen