Julian Riegel Julian Riegel

KI hat keine Kultur – und wir auch bald nicht mehr?

Die ersten Schweizer Radios spielen KI-Songs, und sogar SBB werben mit KI-Bildern. Gleichzeitig werden Urheberrechtsklagen eingereicht und wieder zurückgezogen. Wenn wir nicht bald handeln, wird die Maschine langfristige Schäden hinterlassen.

Die ersten Schweizer Radios spielen KI-Songs und sogar SBB werben mit KI-Bildern. Gleichzeitig werden Urheberrechtsklagen eingereicht und zurückgezogen. Wenn wir nicht bald handeln, wird die Maschine langfristige Schäden hinterlassen.

Selfmade-KI-Brainrot am Wendepunkt der Geschichte

Dass künstliche Intelligenz mitten in der Gesellschaft angekommen ist, muss ich an diesem Punkt niemandem mehr erklären. Jede*r hat wohl über die Festtage ein Gespräch mit Verwandten geführt, die endlich die Vorzüge von ChatGPT entdeckt haben – oder zumindest ein Brainrot-KI-Video vom Onkel zu Weihnachten erhalten.

Als First Mover der Kreativ- und Kulturbranche haben wir die Entdeckungsphase längst hinter uns, in der alles rund um KI aufregend und «mind blowing» war. Wir legen die rosarote Brille ab und schauen hinter die Kulissen. Und genau hier liegen Chance und Gefahr oder vielleicht sogar der berühmte Wendepunkt der Geschichte. Ja, ich glaube, es könnte so gross sein.

Wir sind an dem Punkt, an dem Schweizer Radiosender KI-Musik in die Rotation aufnehmen, um Urheberrechtskosten zu sparen. 

Aber Spotify macht es halt vor: Der Streamingdienst hat längst alle Filter für neue Musik ausgeschaltet. KI-Musik flutet die Plattform, und der Algorithmus hat bereits erste «KI-Stars» produziert. (Hier ein spannendes Video dazu, auf Englisch.)

They fed the machine,
you should be fed up

Ist das verboten? Nein. Gesetzgeber hinken wie immer hinterher. In der Schweiz hat der Bundesrat Anfang 2025 den Auftrag erteilt, neue Regeln für KI zu erarbeiten. Bis jetzt hat man es immerhin geschafft, im Herbst eine «Arbeitstagung» dazu zu veranstalten.

Gleichzeitig wird weltweit praktisch jede Plattform und Applikation, die auf Machine Learning basiert (Text, Bild, Audio), wegen Urheberrechtsverletzungen verklagt – von Verlagen, Bildagenturen, Studios, Plattenfirmen oder Rechtsvertretungen wie SUISA oder GEMA.

Es geht aktuell also um eine moralische Frage, die wir uns im Umgang mit KI stellen müssen. Die Hoheit dürfen wir dabei nämlich nicht den Tech-Gurus überlassen, die solchen Schwachsinn von sich geben wie der Suno-CEO

«Es macht nicht wirklich Spass, Musik zu machen … es kostet zu viel Zeit, man muss viel üben, man muss ein Instrument wirklich gut beherrschen …» 

Suno und Co. haben sich nicht nur am Talent anderer bereichert, sie wollen uns auch weismachen, dass ihr Produkt gleich viel wert sei wie die Passion und Arbeit echter Künstler*innen. Du würdest ja auch nie auf die Idee kommen, dir auf Fiverr einen Song machen zu lassen und ihn als deine eigene Single zu veröffentlichen, oder?

Es geht um eine moralische Frage.

Radar und Lautsprecher an!

Wo fängt man also an, den Radar zu kalibrieren?
Beobachten, reflektieren, diskutieren. Und laut werden.

Wenn wir unsere moralischen Vorstellungen teilen, entfalten sie Wirkkraft. Dann diskutieren vielleicht nicht nur irgendwelche Tech-CEOs an der nächsten KI-«Arbeitstagung» des Bundesrats mit, sondern auch relevante Kulturschaffende. Und der Onkel verschickt weniger Selfmade-Brainrot.

Aus meinen bisherigen Diskussionen habe ich mir ein persönliches KI-Credo aufgestellt, das ich als Denkanstoss teilen möchte:

Ich nutze KI, die folgende zwei Punkte erfüllt:

  1. Sie basiert auf Machine Learning, das keine Urheberrechte bricht.

  2. Sie unterstützt oder ermöglicht künstlerische/kreative Arbeit und ersetzt sie nicht.

(Gedanken dazu? Ich freue mich auf eine Diskussion auf LinkedIn.)

Und der Wendepunkt?

Ich will ja nichts schwarz malen, aber unsere Kultur befindet sich schon so dermassen unter Beschuss vom grossen Geld, dass wenn «die Bösen» noch Musik, Film und Social Media mit KI weiter fluten, dass jede*r, der/die nicht Taylor Swift oder Disney heisst, komplett untergeht. 

Deshalb: Radar und Lautsprecher an!

(Bilder via unsplash, Jens Riesenberg & Max Ovcharenko)


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